Photo avec la MADDOX GTX LO, Microadventure Naturdenkmäler

Unterwegs in der LOWA-Heima­tregion

Michael Urban entdeckt die Hallertau

Expe­di­tionen unserer LOWA-Athleten laden ein, von unberührten Land­schaften und fernen Ländern zu träumen. Doch auch unsere Heimat, genauer gesagt in diesem Fall die LOWA-Heima­tregion Hallertau, hat einiges zu bieten. Michael Urban hat seine Heimat in zwei tollen Touren neu entdeckt und seine Eindrücke mit uns geteilt.

Seit 1923 produziert LOWA nun schon am Stammsitz in Jetzendorf – direkt vor der Haustüre eröffnet sich eine hügelige Land­schaft, die sofort zum Auspro­bieren der Schuhe einlädt.

Jetzendorf liegt im Landkreis Pfaf­fenhofen und grenzt damit an die südlichen Ausläufer der Hallertau, ihres Zeichens größtes zusam­menhän­gendes Hopfe­nan­bau­gebiet der Welt. Hier locken nicht nur wunder­schöne Hopfengärten, die die Land­schaft unver­wech­selbar machen, sondern auch male­rische Hügel, Wälder, Seen und zahl­reiche Rad- und Wanderwege Outdoor­be­geisterte an.

Mittendrin in der Hallertau ist Michael Urban aufge­wachsen. Für LOWA hat der Tausendsassa zwei neue Touren rund um die « Hopfen­me­tropole » Wolnzach in Angriff genommen.

Was es dabei alles zu entdecken gab, Stre­cken­verläufe und viele hilfreiche Infos zu den Touren findest Du hier!

Pilgern in der Hallertau

26 Kilometer von Gosselt­shausen nach Siegenburg – Michael Urban unterwegs im tertiären Hügelland in Bayern.

Photo avec la INNOX PRO GTX MID, Microadventure Naturdenkmäler

Excursion: Pilgern zum Natur­denkmal: ein Microad­venture in die Binnendünen Michael Urban entdeckt die LOWA-Heima­tregion.

Caractère:
Freie Wanderung durchs tertiäre Hügelland in Bayern
Début de l’ex­cursion:
Gosselt­shausen bei Wolnzach
Fin de l’ex­cursion:
Binnendünen bei Siegenburg
Durée:
05:30 Stunden
Distance:
27 km
Montée:
358 m
Descente:
370 m
Équi­pement:
Wanderk­leidung, leichte Wander­schuhe, Rucksack mit Essen und Getränk, Handy/Karte (Navi­gation, Abholung)
INNOX PRO GTX MID
Notre conseil chaussure:
INNOX PRO GTX MID

Ein sonniger Sonn­tag­morgen im März. Es hat –4 Grad, hauchdünnes, weißes Eis bedeckt die Wasserpfützen. Raureif liegt noch in den Schatten der Hallertau, jenen baye­rischen Hügel­landes, wo der Hopfen wächst. Mein Wander­kollege Tobias und ich stehen grinsend in den Startlöchern, die Vorfreude steht uns ins Gesicht geschrieben. Der Grund: wir wollen gleich mehrere Dinge auspro­bieren, die wir noch nie gemacht haben. Erstens wollen wir ein uns noch unbe­kanntes Natur­denkmal aufsuchen, die Binnendünen bei Siegenburg. Zweitens wollen wir nicht nur dorthin wandern, sondern pilgern. Und drittens wollen wir schauen, inwiefern das alles in den einfachen, günstigen, regionalen und ersch­win­glichen Rahmen eines Micro Adventures passt. Challenge accepted!

Allerdings wäre da noch ein kleines Hindernis… Obwohl wir beide im römisch-katho­lischen Altbayern aufge­wachsen sind, wo zum Beispiel das Pilgern nach Altötting Tradition hat, sind wir noch nie gepilgert. Also haben wir versucht, das Thema für uns zu erschließen. Verfolgt man das Wort „Pilger“ zu seinem Ursprung zurück, endet man beim latei­nischen Adverb „per-egrē“, was so viel wie „aus, in der, in die Fremde“ heißt. Außerdem braucht ein Pilger ein symbo­lisches Ziel, woraufhin uns die unter Schutz stehenden Natur­denkmäler einge­fallen sind. Eine Recherche ergab, dass es hier bei uns im Hopfenland einige solcher Denkmäler gibt: Felswände, Stein­brüche, Bäume, Gruben, Quellen, Höhlen, Weiher, Kapel­lenhügel und… Dünen. Dünen? Das klang viel­vers­prechend. Noch dazu liegt das Natur­schutz­gebiet mit den Binnendünen bei Siegenburg im Dürn­bucher Forst, der mit 44,74 km² eines der größten Wald­gebiete Bayerns ist und den wir auch noch nie durch­wandert haben. Das mit dem „in der Fremde sein“ ging schon mal in eine gute Richtung. Doch würde sich auch bei einer solch „kleinen“ Pilgerreise schon das anges­trebte Zu-sich-Kommen und Entschleunigen eins­tellen? Wie würde sich unser Trip von einer normalen Wanderung unter­scheiden? Was würden wir vorfinden? Wir sind gespannt.

Wir starten von Gosselt­shausen bei Wolnzach aus, das Auto­bahn­dreieck Holledau lässt grüßen. 27 Kilometer haben wir vor uns. Bereits nach einem Kilometer entdecken wir einen schattigen, mit Raureif über­zogenen, steilen Wiesenhang, über dem ein Ranken mit Buchen thront, der das sanfte Morgenlicht nur in weich­ge­zeichneten Streifen hindurch­scheinen lässt. Im Hintergrund das wellige Hügelland mit rötlichen, hölzernen Hopfensäulen, das ist Vintage Hallertau – ein würde­voller, feier­licher Auftakt, wie man sich ihn fürs Natur­pilgern nicht besser vors­tellen könnte. Es ist ein stiller Morgen, nur wenige Menschen sind unterwegs. Wir fangen ein paar verdutzte Blicke ein, wandernde „Rucksack-Dudes“ sind hier die Seltenheit. Die Vögel (Girlitz, Feld­lerche, Grünspecht, Kleiber, Meisen, Mistel­drossel, Amsel), die wir am Anfang noch auf den Feldern und zwischen Ranken und Wald­streifen gehört haben, hören wir nur noch selten aus der Ferne. Der Asphalt und die um uns liegende Stille lassen unsere Stimmen verloren klingen.

Wir passieren Nieder­lau­terbach und sehen bald auf der gegenü­ber­lie­genden Anhöhe die Wall­fahrts­kirche von Rottenegg. Auch wenn sie uns nach gut sieben Kilo­metern einen zusätz­lichen Anstieg abverlangt, können wir uns diese Station auf unserer heutigen Tour natürlich nicht entgehen lassen. Der Ausblick vom Kalva­rienberg über den Ort und das Hügelland ist den kleinen Umweg wert. 1150 wurde hier eine Burg erbaut, davon zeugt noch die Gruft, die ein wenig unterhalb der Berg­kirche liegt und früher zu den Keller­gewölben der Burg gehörte. 1704 wurde die Burg während des Spanischen Erbfol­ge­krieges von brand­schat­zenden öster­rei­chischen Reitern und englischen Husaren schwer beschädigt. Die Gräfin Rivera ließ aus den Mauerü­ber­resten 1722 als Andenken an die einstige Burg eine Kapelle erbauen, neben der sich immer noch das Grab des franzö­sischen Briga­de­ge­nerals H. Lambert befindet.

Für mich geht es ab Rottenegg „in die Fremde“, für Tobi geht es Richtung Vorfahren. Wir durchqueren mit dem 12-Uhr-Läuten Ober­met­tenbach und entdecken nach einer kleinen Hügel­rallye in Ober­pindhardt einen Hof, an dem ein Schild mit der Bezeichnung „der Schmie“ hängt – es ist der Hof, wo der Bruder von Tobis Großvater dem Schmie­de­handwerk nach­ge­gangen ist. Hausnamen sind in der länd­lichen Gegend eine schöne Tradition, so kommt nach der kleinen geschicht­lichen Exkursion an der Berg­kirche nun noch ein Stück Fami­lien­ges­chichte hinzu. Wir schwelgen bereits in Erin­ne­rungen und Vors­tel­lungen über die Gene­ra­tionen vor uns, noch ehe wir die Hälfte der Strecke hinter uns gelassen haben. Als wir auf eine T-Kreuzung zugehen und uns fragen, wohin wir abbiegen müssen, taucht wie von Zauberhand im Hof neben uns ein grau­me­lierter, freund­licher Herr auf, der mit seinem perfekt sitzenden schwarz-roten Puma-Jogging-Anzug aus dem länd­lichen Ambiente heraussticht. Wie sich herausstellt, ist sein Style-Faktor ebenso hoch wie seine Orts­kenntnis. Pilger-Glück. Wir schnappen ein paar Routentipps auf und passieren auf dem Weg nach Aiglsbach einen steilen Wiesenhügel, der am Fuß mit harzig-duftenden Holzstößen gesäumt und auf der Kuppe mit einzelnen Kiefern bestückt ist. Ein wunderbares kleines Idyll, das uns ans Altmühltal oder die Toscana denken lässt.

In Aiglsbach grüßt uns ein weiteres Hofna­mens­schild, der „Urzt“, was ich deswegen witzig und seltsam finde, weil der „Urz“ der Hausname der Hofstelle ist, auf der ich aufge­wachsen bin. Diesen Namen haben weder meine Eltern noch mein Bruder oder ich irgendwo sonst schon einmal gehört, nach dem „Schmie“ definitiv eine kuriose Fügung. Ein paar Kilometer später sind wir am großen Wald ange­kommen, dem Dürn­bucher Forst, jetzt ist es Zeit für eine verspätete Mittag­spause. Aufgrund einiger intensiver Foto­sessions und meines Inter­vall­fastens habe ich seit 18 Stunden nichts mehr gegessen und dem Pilgertrip ungewollt gleich noch einen aske­tischen Aspekt hinzu­gefügt. Bevor wir in den Wald eintauchen, passieren wir ein Land­schafts­schutz­gebiet für Wiesen­brüter und kehren der Zivi­li­sation für die nächsten 12 Kilometer den Rücken. Es ist immer noch Eis auf den Wasserpfützen, Wenn ich mich umdrehe, stehen die Chancen gut, dass Tobi frisches Wald­schaumkraut mampft, das mit seiner wohl­sch­me­ckenden Schärfe an Kresse erinnert.

Schnell wird es einsam, die Luft ist mit 7 Grad frisch und klar, Gins­ter­bestände weisen auf sandige Böden hin. Doch neben den trockenen Stellen befinden sich in diesem Wald auch viele Quellen und Fisch­teiche mit Forellen. Die Wegnamen wie „Fürs­tenstraßl“, „Stachus“, „Spitzweg“ oder „Sie­gen­burger Rittweg“ sagen uns zwar nichts, deuten aber an, dass die Orien­tierung hier eine Rolle spielt. Je weiter wir in die große Einsamkeit vordringen, desto mehr fühlt sich der Forst wie eine andere Welt an. Der medi­tative Charakter, den unsere Wanderung nun erhält, beschwört den Pilger­ge­danken verstärkt herauf. Nach einiger Zeit der Stille wackelt uns auf einmal auf einer ewig langen Geraden ein kleines Licht entgegen. Wir hören nichts und reiben uns die Augen, bis wir erkennen, dass es wohl ein Radfahrer sein muss. Die Dämmerung ist nicht mehr allzu weit entfernt, was macht der hier alleine mitten in diesem großen Wald? Er stellt sich schließlich als ein circa 20-jähriger, bayerisch spre­chender Hipster heraus, der einfach mit seinem „Oma-Radl“ losgezogen ist und den Weg nach Neustadt an der Donau sucht. Von den raren menschlichen Bege­gnungen heute ist dies die bizarrste. Wir helfen so gut wir können, können aber eine gewisse Lost-Highway-Stimmung a la David Lynch nicht leugnen.

1.5 Kilometer vor Ankunft verändert sich der Wald deutlich: er wird grüner, uriger, weist mehr Moos, und Heidekraut, die Luft ist feuchter und es riecht nach Pilzen. Dann eine letzte Wendung, die uns über­rascht und verzaubert. Der Wald hat sich in eine graugrüne, samten schim­mernde Halle verwandelt. Ihr Boden erstreckt sich in lang­ge­zogenen, sanften Wellen, darauf ein Teppich aus Moos und Heidel­beerkraut sowie hohe, schlanke Kiefern und vereinzelte, zarte Jungbäume. Ein kleines Wunder, das sich erst ganz am Ende unseres Weges offenbart. So ein Geotop habe ich in der Hallertau noch nie gesehen. Es zieht uns weiter in das Natur­schutz­gebiet hinein und plötzlich sind sie da: Dünen aus feinstem Flugsand, bis zu zehn Meter hoch, von Winden in der letzten Eiszeit hergeweht. Erst nachdem sie hier im Binnenland genügend bewachsen waren, hörten sie auf, sich zu bewegen. Das trockene, magere Areal wird gepflegt, damit seltene Tier- und Pflan­ze­narten wie Frühlings-Spark, Sand­strohblume und blau­flü­gelige Sand­schrecke auf den baum­freien, offenen Bereichen mit Silber­gras­fluren und Flech­ten­tep­pichen weiter bestehen können. Deswegen sollte man auch unbedingt auf den Wegen bleiben.

Ich ziehe die Schuhe aus, betreibe am Wegesrand noch ein wenig Shinrin Yoku (Waldbaden) und sauge diesen besonderen Ort mit allen Sinnen auf. Der kalte Sand macht schnell frisch, das Barfußgehen tut meinen Füßen gut. Es war ein berei­cherndes Erlebnis, sich dieses Natur­denkmal zu erwandern und ihm auf diese Weise Respekt zu erweisen. Ein wunderbarer Tag mit vielen uner­warteten, entrückten und nach­denk­lichen Momenten geht zu Ende. Es bleibt ein Gefühl der Demut und Dank­barkeit. Sollte das dem ange­dachten Pilger­feeling nahe­kommen, waren Tobi und ich wohl schon öfters Pilgern, ohne es zu ahnen.

Genuss hoch 2

Wer für das nächste Mikroa­benteuer nicht so viele Kilometer zurü­cklegen möchte, findet sicher Gefallen an einer Genusstour: Wie wäre es beispielsweise mit einer Kräu­ter­wan­derung und anschließendem Brot­backen?

2021 Anna Backen Brot Elena Foto: Michael Urban. Gosseltshausen Foto: Tobias Roßmann Hallertau Kräuter März Pflanzen Sammeln Strelnikova Tröstler

Excursion: Ein Wild­kräu­terbrot Michael Urban entdeckt die LOWA-Heima­tregion.

Caractère:
Kräu­ter­wan­derung in der Umgebung mit anschließendem Brot­backen
Début de l’ex­cursion:
Gosselt­shausen bei Wolnzach
Fin de l’ex­cursion:
Gosselt­shausen bei Wolnzach
Durée:
05:00 Stunden
Équi­pement:
wetterfeste Kleidung, leichte Wander­schuhe, Handy/Karte (Pflan­ze­ner­ken­nung­sprogramm, Kartierung), Kräu­ter­bes­tim­mungsbuch, Korb/Säckchen, Messer/Schere, Hand­schuhe, Getränk
RENEGADE GTX MID
Notre conseil chaussure:
RENEGADE GTX MID

Wie das wohl früher war… als die Menschen in der Natur nach Wild­kräutern wie etwa den Giersch suchten, um Hungersnöte zu überstehen oder während der Welt­kriege ihre Vita­min­zufuhr zu sichern. In der heutigen Zeit der Nahrung­sergän­zung­smittel kaum mehr vors­tellbar. Genug Anreiz für mich, meine Crew zu akti­vieren und eine Kräu­tersuche als kuli­na­risches Micro Adventure bei uns in der Hallertau auszu­pro­bieren. Unser Plan ist es, so viele Wild­kräuter in der freien Natur zu sammeln, dass wir damit ein Faltenbrot backen können. Das wird unser erster Versuch, zudem hat es draußen gerade einmal 3 Grad. Also, maximaler Einsatz! Wir sind neugierig und uns läuft das Wasser schon im Mund zusammen.

Prak­ti­scherweise kennt mein Aben­teuer­kollege Tobias sowohl ausreichend essbare Wild­kräuter als auch einige Standorte, wo sie hoffentlich auch schon jetzt, Mitte März, wachsen. Ich alleine hätte selbst mit Kräu­terbuch keine Chance gehabt, die Aktion in einem halben Tag und ohne Kolla­te­ral­schäden durch­zu­ziehen. Einige Kräuter wie zum Beispiel Bärlauch oder Schar­bockskraut sollte man nicht nach ihrer Blüte essen, andere wie das Maiglö­ckchen, das dem Bärlauch ähnlich sieht, sind sehr giftig. Wir geben zwar wie Deadpool „maximalen Einsatz“, aber die Selbs­thei­lung­skräfte des Marvel-Super­helden haben wir leider nicht. Am besten lässt man sich von einem Experten wie einem Wild­kräu­terpä­dagogen instruieren oder tastet sich vorsichtig mithilfe guter Literatur heran. Oder man hat Glück und Freunde, die Ahnung haben und mit anpacken. So auch unsere Ladies Elena und Anna, die beim Sammeln mithelfen und die Hefe vorbe­reiten.

Wir starten an einem frischen Sonn­ta­gnach­mittag, die letzten Wochen war es kalt mit Nacht­frösten, es hat sogar ein paar Mal geschneit. Falls wir Kräuter finden, sind sie sicher noch zart, frisch und wohl­sch­meckend. Wir steigen einen steilen Wiesenhang hinauf, der ein paar hundert Meter von Elenas und Tobis Zuhause entfernt ist. Elena verzieht das Gesicht, als uns kalter Wind entge­genbläst. Doch bald schöpfen wir Hoffnung. Wir entdecken die ersten Farb­tupfer in der noch recht braunen und tristen Umgebung: violette und weiße Krokusse läuten neben Schnee­glö­ckchen und himmel­blauen Hasen­glö­ckchen den Frühling ein.

Ein paar Minuten später sind wir an unserem ersten Kräuter-Spot, einem kleinen schattig-feuchten Wald­streifen, der von Wiesenhängen unter­brochen wird. Hier finden wir zuerst das herbe, etwas scharf schme­ckende Schar­bockskraut (Verwechs­lung­sgefahr mit Hahnenfuß-Gewächsen!). Fällt der Gesch­mackstest „stechend-bitter“ aus, hilft Trocknen vor dem Verzehr. Aufgrund seines hohen Vitamin-C-Gehalts gehörte dieses Kraut früher zum Reise­proviant von Seefahrern, die zwar Zitronen und Sauerkraut, aber meist kein Gemüse oder Obst auf ihren Seereisen dabei­hatten. So konnten sie der Vitamin-C-Mangel­krankheit Skorbut vorbeugen. Daher lautet die alte Bezeichnung für Skorbut „Scharbock“. Ist Etymologie nicht etwas Schönes? Ein paar Meter weiter spitzt auf circa 75 Quadrat­metern frischer Giersch aus dem Boden. Für die meisten ist der Dolden­blütler ein Unkraut, das den Garten zuwuchert. Roh schmeckt und riecht Giersch ein wenig wie Möhren oder Petersilie gemischt mit dem harzigen Aroma einer Mango, gekocht dann hingegen wie Spinat. Am drei­kantigen Blattstiel kann man ihn gut erkennen und von unge­nießbaren und giftigen Arten wie dem Gefleckten Schierling oder Breit­blät­trigem Merk unter­scheiden. Ich beginne zu sammeln, während Elena und Tobi – Vogel­schützer, die sie sind – die Vogelfüt­terung im benach­barten Wäldchen neu auffüllen. Das Ernten ist relativ mühsam, weil der Giersch nur circa ein paar Zentimeter aus dem Boden schaut, dafür ist er an Frische nicht zu über­bieten.

Als wir wenig später auf einem kleinen Pfad ein Schle­hen­di­ckicht durchqueren (hierher müssen wir in einem Monat zur Blüte unbedingt zurü­ck­kommen!), über­rascht uns ein melan­cholisch tönendes Klü-Klü-Klü-Klü: die fallende Rufreihe eines Graus­pechts, was deshalb etwas Besonderes ist, weil diese Spechtart weit­gehend heimlich lebt. Wir flirten ein, zwei Mal mit ihm, indem wir seinen Ruf nachahmen, lassen ihn dann aber in Ruhe, so dass er von dannen flattert und wir weiter­ziehen. An einem stil­l­ge­legten Hopfen­garten finden wir einen Teppich von Vogelmiere. Gut für uns, denn die Vogelmiere gehört in die Teigmasse für unser Brot. Unsere Vorfreude wächst, keiner von uns hat schon einmal so etwas Aufwendiges und Deftiges wie ein Brot mit Wild­kräutern gemacht. Mittlerweile müssen wir immer wieder die klammen Finger in den Hand­schuhen aufwärmen, da uns das Gefühl aufgrund des kalten Windes abhanden kommt. Nebenbei naschen wir ein wenig, die Vogelmiere schmeckt wie junger, roher Mais oder Erbsen, einfach immer wieder über­ra­schend. Nach dieser Station verab­schiedet Elena sich, um mit Anna den Teig vorzu­be­reiten.

Tobi und ich machen an einem sandigen Ranken mit Ginster- und Holun­derbüschen Halt. Obwohl es hier relativ braun und erdig aussieht, entpuppt sich der kleine Hang­streifen als viel­seitiger Mikro­kosmos. Das bittere Schaumkraut und die Acker­veilchen inter­es­sieren uns zwar nicht, daneben finden wir aber das viel­seitige Wiesen-Labkraut (schmeckt wie eine Mischung aus Rucola und Kopfsalat) und Ehrenpreis, der mit einem bitter-herben und leicht balsa­mischen Geschmack als Heilkraut Tradition hat. Langsam dämmert es, dazu kommt leichter Hagel, unser Korb ist erst halbvoll. Es muss noch etwas her, wenn wir unser Plan gelingen soll!

Ich würde gerne noch Bärlauch und Brenn­nesseln finden. Letztere weisen viele Mine­ralien, Vitamin A und C, Eisen und Eiweiß auf und würden unseren Korb schneller füllen, da sie meist in Gruppen wachsen. Ich treibe uns zu einer kleinen Runde durch den Wald an. Auf dem Weg dorthin zieht es mich wie magisch zu einem Feldweg, der von einem circa 1 Meter breiten Wiesens­treifen begleitet wird. Ich schaue genauer hin, schiebe das lange, welke Gras zur Seite und entdecke… Brenn­nesseln! Entweder ist es pures Glück, denn bis dahin hatten wir noch keine Spur von ihnen gesehen. Oder ich habe Brenn­nesseln (ggfs. mit Schere oder Hand­schuhen ernten und die Blätter, waschen, walzen und klein schneiden, um die Wirkung der Nesselhaare zu neutra­li­sieren) beim Spazieren, Wandern oder Joggen schon so oft in ähnlicher Umgebung gesehen, dass mir unbewusst klar war, wo sie ungefähr zu finden sind. Eine verrückte Erfahrung. Ein bisschen peinlich, weil ich gerne besser über die Pflanzen und ihre Standorte Bescheid wissen würde. Aber auch irgendwie cool, dass man unter­sch­wellig über solche Infor­ma­tionen zu verfügen scheint. Man müsste sie nur akti­vieren. Die purpurrote Taub­nessel von nebenan schmeckt über­ra­schend waldig-pilzig, ein zusätz­licher Gewinn für unser Brot!

Bei unserer kleinen Runde im Wald finden wir zwar keinen Bärlauch, aber am Waldrand noch ein paar Nesseln und einiges an Vogelmiere. Wir begegnen zwei Hasen, in diesem Fall Konkur­renten um die frischen Kräuter. Als es schon fast dunkel ist, entdecken wir im lichten Wald zwischen jungen Brom­beerp­flanzen ein stat­tliches Gier­sch­vor­kommen. Die Pflanzen hier sind schon deutlich größer als ganz am Anfang unserer Unter­nehmung und wir nutzen die Chance, um unseren Korb voll zu machen. Mit Sammeln und Foto­gra­fieren waren wir gut vier Stunden unterwegs, jetzt hoffen wir, dass Teil zwei, das Backen unseres Kräu­ter­brotes, ebenso gut wie das Sammeln verläuft.

Unsere Ladies haben mittlerweile schon den Teig mit Dinkelmehl, Wasser, Hefe, Salz, Honig, Olivenöl und der klein­ge­hackten Vogelmiere zube­reitet, letztere dient zur Färbung und um dem Geschmack noch eine weitere Note zu geben. Nun hacken wir Mozzarella, die Zwiebel, den Bärlauch vom Vortag und die rest­lichen Kräuter klein, fügen Salz und Pfeffer hinzu und verteilen die Mischung auf dem ausge­rollten, grün­lichen Teig. Sieht schon mal viel­vers­prechend aus, wir haben genau die richtige Menge an Kräutern zusam­men­ge­bracht. Wir schneiden den belegten Teig in Streifen und legen ihn so zusammen, dass es in eine Backform passt. Danach kommt das Faltenbrot für 30 bis 60 Minuten bei 180 Grad in den Ofen. Tobi und ich kochen in der Zwischenzeit eine Suppe draußen am Lagerfeuer, die ebenfalls ein paar unserer Kräuter abbe­kommen hat. Unser Aben­dessen verfeinern wir stilecht mit Zutaten aus unserer Heimat: Wild­salami und -pfef­fer­beißer aus dem Jagdrevier meines Vaters, Mutterns Hasel­nuss­muffins mit Nüssen aus der Plantage meiner Tante und Blau­beeren, die ich letzten Sommer im Feilenmoos geerntet und einge­froren habe. So einfach und solch Luxus zugleich… Trotz unseres Hungers halten wir inne und freuen uns über so gute, natürliche und gesunde Nahrung­smittel. Und dazu kommt als Haupt­dars­teller unser frisch geba­ckenes Kräu­terbrot. Das sehr „grün“, erstaunlich gut und zu verschie­densten Speisen schmeckt. Auch wenn wir es nächstes Mal noch stärker würzen dürfen, sind wir mit unserem ersten Versuch überaus zufrieden. Mit vollen Bäuchen, von Nesseln bren­nenden Fingern und viel Lachen klingt unser Tag aus. Maximaler Einsatz – maximales Ergebnis.